So Ist Schule wirklich:

Obskures Lehrergeständnis sorgt für Nachdenklichkeit.

Anneliese Schaluppke-Schlauenburg (53) ist gerne Lehrerin an der Thomas-Gottschalk-Realschule. Doch neulich, auf der Klassenfahrt ihrer 9a nach Schleswig, ist es passiert. Sie rastete aus und bewarf zwei Schülerinnen mit Weintraubenkernen. Ein handgeschriebenes Schuldgeständnis erreichte die Redaktion von Klassenfahrt.de vor einigen Tagen. Wir veröffentlichen Auszüge dieser erschütternden Selbst-Anklage: „ (…) Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hat…

Wir saßen alle vergnügt um das Lagerfeuer und summten Helene-Fischer-Lieder, da kamen Jasmin und Jessika auf die letzte Klassenarbeit in meinem Unterrichtsfach Deutsch zu sprechen. Ich hatte den beiden eine Bestnote verweigert, weil sie Heinrich-Böll mit Friedrich Dürrenmatt verwechselt hatten. Außerdem hatten sie in ihrer Klassenarbeit ganz offensichtlich Passagen aus Gero von Wilperts „Sachwörterbuch der Weltliteratur“ verwendet, und das ohne die Quelle kenntlich zu machen! Vorwurfsvoll sahen Jasmin und Jessika mich durch den Rauch des Feuers hindurch an und warfen quängelig Tannenzapfen in meine Richtung. „So was blödes … mein schöner Einser-Schnitt ist jetzt weg!“ nöhlte Jasmin. Und Jessika pflichtete bei: „Das mit dem Pony kann ich mir abschminken!“ Da riss mir die Hutschnur. Ich drapierte zwei Weintraubenkerne, die ich gerade zur Hand hatte, zwischen die Spitze von Zeigefinger und Daumen und ließ sie in hohem Bogen in Richtung der Mädchen zwutschen. „Ahhh!“ schrie Jasmin, hielt sich schützend die Arme vor das Gesicht und wälzte sich auf dem Boden. „Sind Sie wahnsinnig! Das ist eine Verletzung meiner physischen Integrität! Ich zeig‘ Sie an!“ Auch Jessika machte ein schmerzverzerrtes Gesicht und warf mir sprachlos entgeisterte Blicke zu. Ich hielt inne, musste schlucken. Was hatte ich bloß getan? Wie konnte ich als verbeamtete Lehrerin nur so entgleisen und meine Vorbild-Funktion verletzen?

Ich entschuldigte mich einen Tag später, schenkte den beiden einen Müsli-Riegel (ohne Frucht) und sprach mit der Klasse eine ganze Schulstunde lang über Konfliktbewältigungsstrategien, Anti-Aggressionstraining und Gewaltverzicht. Auch auf Heinrich Böll und Friedrich Dürrenmatt ging ich nochmal ausführlich ein. Obwohl die Klasse sich beruhigte und meine Entschuldigung annahm, war ich doch noch tagelang schlecht gelaunt, verwechselte beim Einparken Vorwärts- und Rückwärtsgang und fragte mich: „Wie konnte ich mich nur zu dieser irren Weintraubenkern-Geschichte hinreißen lassen?“

Und jetzt kommen Sie

Sie sind auch Lehrer oder Lehrerin und möchten zu dem Thema etwas gestehen? Dann schicken Sie Ihre Nachricht oder kurze Geschichte gern an: info@klassenfahrt.de

Foto: scarletgreen, „Takanawadai Elementary school 高輪台小学校13“, CC-Lizenz (BY 2.0)
http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de
Alle Bild stammt aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de

Anneliese Schaluppke-Schlauenburg

Oberstudienrätin und seit 30 Jahren Lehrerin an der Thomas-Gottschalk-Realschule im schönen Malzheim an der Piesel. mehr über mich

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