Pokémon Go – im Klassenzimmer?

Die virtuellen Monsterjagd mit „Pokémon Go“ geht munter weiter. Noch ist Sommer und überwiegend wird draußen gespielt, -trotz Verbot nicht selten auch auf dem Schulhof und auf der Klassenfahrt. Aber die kalte Jahreszeit steht vor der Tür, und spätestens dann werden die Monster mehr und mehr auch ins Klassenzimmer einfallen. Ist das gut oder schlecht? Und wie gehen wir Lehrer am besten damit um? 

Meinungsverschiedenheiten gibt es überall, sogar bei uns, im Lehrerkollegium der Thomas Gottschalk-Realschule. Während Facebook, Permakultur und unserer Kampfhahn Gandalf inzwischen wie selbstverständlich zum Schulalltag gehören, haben wir zurzeit eine sehr lebhafte Diskussion über Pokémon Go. Ist das gut, oder schlecht für die Schule? Und, last not least, wie gehen wir ganz konkret mit der Monsterjagd im Schulalltag und auf Klassenfahrten um?

Restriktives Pokémon-Go-Verbot und anti-amerikanische Ressentiments

Während unser Mathe-Lehrer, Herr Ottmar Schielke-Winkelschnitt, den Schülern vor Unterrichtsbeginn die Smartphones abknöpft, und Pokémon Go als „Daten-Krake“ und die Jugend verführendes „Produkt des US-Imperialismus“ geißelt, sehe ich Pokémon-Go positiv und rate uns allen dringend zu mehr Gelassenheit und Optimismus! Für mich hat dieses Spiel enormes Potenzial für eine innovative Medienerziehung unserer Schüler! Denn als fortschrittlich denkende Lehrerin bin ich grundsätzlich technik-affin und Neuem gegenüber aufgeschlossen. Vor allem, wenn es um Medien, Diätrezepte, Autos und Häkeln geht!

Sorgen völlig unbegründet

Solange die Pokémon-Go- Monster Fantasie-Gestalten sind, finde ich die Sache für meine Schüler völlig in Ordnung. Kritik wäre nur angebracht, wenn die Monster Personen aus dem echten Leben ähneln würden, wie zum Beispiel Professor Paul Kirchhof, Katrin Göring-Eckhardt oder Jan Böhmermann. In diesem Fall wäre natürlich auch für mich eine rote Linie überschritten! Aber im Moment sehe ich, bei angemessenem Umgang mit Pokémon Go, eigentlich keine Gefahr für meine Klasse! Schließlich sind die kleinen, farbigen Monster einfach putzig – und auch das viel kritisierte GPS-Tracking möchte ich nicht beanstanden, denn wir haben doch eine engagierte und angemessen bezahlte Datenschutzbeauftragte, die sich auf höchster Ebene unermüdlich für die Sicherheit unserer persönlichen Daten einsetzt. Und, falls, nicht, das Motto von heute ist doch sowieso schon längst: „always on, always connected“, Privatsphäre hin oder her!

Konsequentes „Sowohl-als-auch“

Natürlich kann ich das Unbehagen vereinzelter Lehrer-Kollegen verstehen, die beim Anblick der scheinbar mit ihrem Smartphone verwachsenen, Pokémon-Go-spielenden Schüler unweigerlich an die polarisierenden Werke des österreichischen Zeichners Manfred Deix denken müssen. Aber für mich steht fest: dies sollte uns nicht dazu bringen, eine Zukunftstechnologie wie Pokémon Go in Bausch und Bogen zu verdammen und abzulehnen! Ich bin überzeugt: Pokémon Go sollte integrativer Bestandteil eines tragfähigen, schulpädagogischen Gesamtkonzepts sein. Ein im Grundgesetz verankertes, Pokémon-Go-Verbot wäre jedenfalls das völlig falsche Signal. Das würde Arbeitsplätze in der IT-Branche, den Freihandel und das soziale Miteinander in der Schule gefährden. Deswegen finde ich die Methode bei uns eigentlich genau richtig: Je nach Lehrermeinung wird das Spiel entweder total verboten – oder begrüßt und gefördert. Die Schüler müssen sich eben flexibel darauf einstellen – so lernen sie gleich einmal die ambivalente Wirklichkeit der späteren Berufs-und Lebenswelt mit ihren unterschiedlichen Wertevorstellungen kennen!

Vorteile überwiegen:

Pokémon-Go macht schlau Ich als erfahrene Pädagogin möchte hier jedenfalls eine Lanze brechen, für Pokémon Go im Klassenraum: Denn es motiviert notorische Schulschwänzer zur Rückkehr in die Klassengemeinschaft, stärkt die Multitasking-Skills-der Heranwachsenden und leistet auch noch einen wichtigen Beitrag zur emotionalen Intelligenz, Konzentrationsfähigkeit und Fettverbrennung der Schüler! Um ein Ei auszubrüten, muss man schließlich mehrere Kilometer weit gehen! Auch meine Klassenclowns, Jessica und Jasmin benehmen sich jetzt, seit ich Pokémon-Go zeitweise erlaube, deutlich ausgeglichener und haben ihre Sozialphobie überwunden. Toll!

Appell für innovative Erlebnispädagogik

Liebe Lehrer-Kolleginnen und Kollegen! Gibt uns das nicht zu denken? Müsste es uns nicht allen darum gehen, Pokémon Go behutsam, verantwortungsbewusst und intelligent in den Unterrichtsalltag zu integrieren? Ich glaube ganz fest daran, und möchte hier und heute allen Schulvertretern, für die Pokémon Go noch Neuland ist, Mut zusprechen. Auch dem Philologenverband in Nordrhein-Westfalen , der schon ein generelles Handyverbot an Schulen gefordert hat, nur weil das Spiel so populär ist!

Kai Pflaume? Keine Alternative!

Ja, es stimmt, wer die Pokémon-Go-App samt Handykamera geöffnet hat, sieht vielleicht auch im Klassenzimmer an jeder Ecke bunten Monster und Figuren, die sich mit virtuellen Bällen bewerfen und einfangen lassen und gerät möglicherweise in einen Spiel-Rausch. Aber müssen wir Pokémon Go deswegen kategorisch ablehnen? Ich meine „Nein!“ Höchste Zeit, dieses Spiel als echte Bereicherung des schulpädagogischen Horizonts und didaktische Chance zu begreifen! Und ARD-Familienshows mit Kai Pflaume sind meines Erachtens keine echte Alternative. Aber das ist ja ein ganz anderes Thema! Bis bald! Eure Anneliese

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Anneliese Schaluppke-Schlauenburg

Oberstudienrätin und seit 30 Jahren Lehrerin an der Thomas-Gottschalk-Realschule im schönen Malzheim an der Piesel. mehr über mich

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